«Weg vom Buzz, hin zu Suchintention, Serien und echter Beziehung»
Ludovic Chenaux, Inhaber der Agentur Up to you, erklärt, welche Social-Trends überschätzt werden, warum Social Search zum zentralen Wachstumstreiber wird – und wie Marken organische Reichweite wieder planbarer machen können.
The Business Class Magazin
Ludovic Chenaux, welche Social-Media-Trends sind 2026 am meisten überschätzt – und was unterschätzen Marken noch immer?
Überschätzt ist nach wie vor die Jagd nach dem Buzz: «der eine Trend», Views, Follower, Vanity Metrics. Das kann kurzfristig laut sein, aber es baut keine nachhaltige Aufmerksamkeit auf. Unterschätzt wird dagegen Social Search. Die Nutzung verändert sich stark: weniger reines «Durchscrollen», mehr aktive Suche. Marken, die Inhalte so strukturieren, dass sie gefunden werden, verschaffen sich einen echten Vorsprung.

Was ist 2026 der effektivste Hebel, um organische Reichweite wieder planbarer zu machen?
Der grösste Hebel ist der Wechsel von einer Post-Logik zu einer Rendez-vous-Logik: Serien, Rubriken, wiederkehrende Formate. Also 2–3 Themen aufbauen, die bei der Zielgruppe «snowballen», mit einer klar erkennbaren Struktur. Danach optimieren wir auf die Signale, die wirklich zählen: Retention, Rewatch, Saves, Shares und hilfreiche Kommentare. Wenn diese Signale steigen, wird Reichweite mechanisch stabiler.
Wie verändert generative KI 2026 eure Content-Produktion und das Community Management – und was bleibt bewusst «menschlich»?
Ich nutze gern dieses Bild: Ich will, dass KI meine Wäsche macht, damit ich kreativ sein kann – nicht, dass KI kreativ ist, damit ich Wäsche mache. Wir behalten menschliche Wertschöpfung dort, wo sie zählt, und delegieren alles Repetitive, wenig Differenzierende.
Was KI bei «Up to you» übernimmt:
- Pre-Production: Angles, Outline, Skripte, Titel/Hooks, Übersetzungen & Lokalisierungen
- Produktion & Postproduktion: Varianten (Short/Long), Untertitel, Zusammenfassungen, «assistierte» Schnitte
- Community Management: Message-Triage, Trend-Erkennung, Antwortvorschläge
Was bewusst menschlich bleibt:
- Strategie & Creative Direction: Ansatz definieren, Einzigartigkeit, Marken-Kohärenz
- Beziehung: Humor, Empathie, Verhandlung, Krisenmanagement
- Risikomomente: Legal/Reputation-Abwägungen, sensible Themen, Positionierungen, Eskalationen
Welche Rolle spielt Social Search 2026 – also TikTok/Instagram als Suchmaschinen?
Eine sehr grosse. Social Search ist 2026 ein Reflex geworden. TikTok und Instagram sind nicht mehr nur Feeds – sie sind Suchmaschinen mit Video-Beweis. Menschen tippen eine Frage ein und wollen eine klare Antwort in 20 bis 40 Sekunden. Das sieht man besonders bei «How-to», Reviews, Orten, Produkten: Ein Teil der Nutzer:innen startet direkt auf TikTok/IG statt bei Google.
Wie müssen Marken ihre Inhalte gestalten, um über diese Plattformen gefunden zu werden?
Sofort umdenken: nicht mehr «Was poste ich?», sondern «Welche Suche, welche Intention bediene ich?». Dann wird es sehr konkret: die richtigen Keywords identifizieren und sie in Narration, On-Screen-Titel und Captions integrieren – plus alle verfügbaren Felder nutzen wie etwa Alternativtexte, Beschreibungsfelder – damit Plattformen Inhalte besser indexieren. 2026 ist guter Content der, der im Feed performt und in der Suche wieder auftaucht.
Sofort umdenken: nicht mehr «Was poste ich?», sondern «Welche Suche, welche Intention bediene ich?»
Ludovic Chenaux, Inhaber der Agentur Up to you
Wo siehst du 2026 die zwei grössten Unterschiede zwischen Deutschschweiz und Romandie – Plattformwahl und Content-Stil?
Der Unterschied liegt weniger bei den Plattformen als bei der Art des Konsums. In der Deutschschweiz funktionieren Inhalte besonders gut, wenn sie nützlich und stark strukturiert sind: erklären, belegen, vergleichen, auf den Punkt. In der Romandie performt eher inkarnierter, conversationeller Content: Story, Behind-the-Scenes, Stimme, klare Haltung, echter Call zur Reaktion.

Wie entwickeln sich Paid-Strategien 2026 in der Schweiz – bei kleinen Zielgruppen und steigenden Kosten?
Paid wird zunehmend ein Spiel der Sättigungssteuerung. Der Markt ist klein, Frequenz steigt schnell, und Kosten gehen hoch, sobald man zu stark drückt. Darum sehen wir weniger «chirurgisches» Micro-Targeting und mehr Broad Targeting plus First-Party-Signale wie CRM, Conversions, Remarketing, damit der Algorithmus effizient optimieren kann. Und: Kreativität ist zum zentralen Hebel geworden. Eine starke Idee, in Varianten gedacht – oft nah an UGC-Mechaniken – hält dem Kostendruck besser stand.
Was ist 2026 der grösste Fehler, den Schweizer Marken auf Social Media noch machen – und wie verhindert ihr das für eure Kund:innen?
Social Media als Vitrine zu behandeln: zu corporate, zu geschniegelt, zu sehr über die Marke – statt über die realen Bedürfnisse der Menschen. Die Stichworte sind da: suchen, lernen, vergleichen, Sicherheit gewinnen. Um das zu vermeiden, steigen wir aus der Vanity-Logik aus und messen vor allem Retention, Saves, Shares und Kommentarqualität. Denn genau das treibt organisches Wachstum, echte Gespräche – und am Ende Conversions.
