«Nach dem Firmenverkauf braucht das Vermögen eine neue Führung»
Ein Unternehmensverkauf schafft Liquidität und neue Freiheit. Gleichzeitig müssen Unternehmerinnen und Unternehmer ihr Vermögen plötzlich nach anderen Regeln führen als ihre Firma. Alain Beyeler, CEO von Finpact, erklärt, weshalb nach dem Exit Struktur wichtiger ist als die nächste Anlageidee – und welche Fehler besonders häufig passieren.
UnternehmerZeitung, mm
Alain Beyeler, viele Unternehmer planen ihre Nachfolge oder den Firmenverkauf über Jahre. Weshalb wird die private Vermögensstruktur danach dennoch oft unterschätzt?
Weil Unternehmer verständlicherweise aus der Logik ihres Unternehmens heraus denken. Sie haben über Jahre etwas aufgebaut, Risiken getragen, investiert und Entscheidungen getroffen. Der Erfolg hat dieses Denken bestätigt. Nach einem Verkauf verändert sich jedoch die Aufgabe des Vermögens. Ein Unternehmen aufzubauen und ein privates Vermögen über die nächsten 20 oder 30 Jahre anzulegen, sind zwei unterschiedliche Disziplinen. Im Unternehmen war Konzentration oft eine Stärke: volle Energie auf einen Markt, ein Produkt und eine Organisation. Beim Privatvermögen kann genau diese Konzentration zum Risiko werden.

Was verändert sich konkret, wenn aus gebundenem Unternehmensvermögen plötzlich liquides Privatvermögen wird?
Sehr viel. Vorher war das Vermögen im Unternehmen gebunden, produktiv eingesetzt und Teil einer unternehmerischen Aufgabe. Nach dem Verkauf liegt es plötzlich auf einem Konto und kann investiert, umgeschichtet, ausgegeben oder falsch platziert werden. Das schafft Freiheit, aber auch Verantwortung. Das Geld soll nun den nächsten Lebensabschnitt finanzieren, die Familie absichern, die Kaufkraft erhalten und möglicherweise an die nächste Generation weitergegeben werden.
«Weil Pensionskassen nach Prinzipien investieren und nicht nach Bauchgefühl. Sie arbeiten mit einer klaren Struktur, einem definierten Risikobudget, breiter Streuung, Kostenkontrolle und langfristigen Prozessen.»
Alain Beyeler, CEO von Finpact
Was sind da die Herausforderungen?
Ein Unternehmer konnte in seiner Firma eingreifen, Kunden gewinnen, Kosten senken oder die Strategie ändern. Beim Privatvermögen ist diese direkte Kontrolle begrenzter. Deshalb muss das Vermögen strukturell robust sein und auch funktionieren, wenn man nicht täglich am Steuer sitzt.
Sie sagen: zuerst ordnen, dann entscheiden. Weshalb ist gerade die erste Zeit nach einem Verkauf so entscheidend?
Weil ein Verkauf emotional stark aufgeladen ist. Er kann sich wie eine Belohnung anfühlen, aber auch den Verlust einer Rolle bedeuten, die das Leben über Jahrzehnte geprägt hat. Trifft ein starkes Gefühl auf eine grosse Geldsumme, entsteht eine heikle Kombination. Aus Euphorie wird zu viel Risiko eingegangen. Aus Unsicherheit wird das Geld zu defensiv angelegt. Oder man will das Thema möglichst schnell erledigen. Genau dann entstehen Entscheidungen, die später schwer zu korrigieren sind. Deshalb sollte zuerst geklärt werden: Was muss dieses Geld leisten? Was muss sicher bleiben? Was darf wachsen? Welche Entnahmen sind geplant? Welche Steuern, Verpflichtungen und familiären Ziele müssen berücksichtigt werden?
Was sollte der erste Schritt sein?
Ein hoher Kontostand ersetzt keinen Plan. Der erste Schritt nach einem Exit ist deshalb nicht die Wahl eines Produkts, sondern die Einordnung des gesamten Vermögens.
Welche Fehler beobachten Sie bei Unternehmerinnen und Unternehmern nach einem Exit besonders häufig?
Ein häufiger Fehler ist, das unternehmerische Denken unverändert auf das Privatvermögen zu übertragen. Viele investieren wieder in wenige Dinge, die sie kennen und kontrollieren möchten: Einzelaktien, Immobilien, Beteiligungen oder vertraute Branchen. Damit entstehen erneut Klumpenrisiken. Ein zweites Muster ist die Unterschätzung bewährter Anlageprinzipien. Breite Streuung, Kostenkontrolle und Disziplin wirken auf erfolgreiche Unternehmer manchmal langweilig. Aber genau diese Prinzipien helfen institutionellen Anlegern, schwierige Marktphasen zu überstehen. Hinzu kommt die Schwierigkeit, Entscheidungen zu delegieren. Wer jahrelang selbst verantwortlich war, gibt Kontrolle nicht leicht ab. Professionelle Vermögensführung bedeutet jedoch nicht, die Verantwortung abzugeben. Sie bedeutet, Entscheidungen in einen nachvollziehbaren und kontrollierten Rahmen zu stellen. Und schliesslich beobachten wir häufig einen starken Handlungsimpuls. Unternehmer sind gewohnt, Chancen rasch zu nutzen. Beim Anlegen kann dieser Impuls zu Aktionismus, Timing-Versuchen und emotionalen Entscheidungen führen.
Sie sprechen von Vermögensführung statt Vermögensverwaltung. Was ist der Unterschied?
Verwaltung ist die Grundlage. Sie stellt sicher, dass ein Mandat korrekt, reguliert und professionell umgesetzt wird. Vermögensführung geht darüber hinaus. Sie gibt dem Vermögen eine Richtung, ordnet Entscheidungen ein und berücksichtigt Veränderungen im Leben. Im Geschäft mit sehr grossen Vermögen ist diese Logik längst etabliert. Dort wird nicht einfach ein Portfolio verwaltet. Es geht um Strategie, Risikobudget, Liquiditätsplanung, Nachfolgefragen und persönliche Begleitung. Nach einem Unternehmensverkauf braucht es deshalb nicht primär eine weitere Produktlösung, sondern eine langfristig geführte Anlagestrategie.
Warum sollten private Anleger ab 50 stärker wie Pensionskassen denken?
Weil Pensionskassen nach Prinzipien investieren und nicht nach Bauchgefühl. Sie arbeiten mit einer klaren Struktur, einem definierten Risikobudget, breiter Streuung, Kostenkontrolle und langfristigen Prozessen. Genau vor dieser Aufgabe stehen viele Privatpersonen nach einem Exit, einer Erbschaft oder einem Kapitalbezug. Sie werden faktisch zu ihren eigenen Pensionskassen-Managern. Eine Verantwortung, die früher ein Unternehmen oder ein Gremium getragen hat, liegt plötzlich bei einer einzelnen Person. Gerade ab 50 verändern sich zudem die Ziele. Es geht stärker um Altersvorsorge, Familie, Kaufkrafterhalt und Vermögensübergabe. Das verlangt eine andere Risikologik als der Aufbau eines Unternehmens.
Müssen Unternehmer nach dem Verkauf auf unternehmerische Investments verzichten?
Nein. Der Wunsch zu gestalten und Chancen zu nutzen verschwindet nicht mit dem Verkauf. Er muss auch nicht verschwinden. Es kann sinnvoll sein, das Vermögen bewusst zu teilen. Ein grosser Teil gehört in einen sorgfältig geführten Kern, der der Altersvorsorge, der Familie und der langfristigen Sicherheit dient. Ein kleinerer Teil kann unternehmerisch bleiben, beispielsweise für Beteiligungen, neue Ideen oder private Investments. Entscheidend ist, dass diese Bereiche klar getrennt sind. Jeder Teil des Vermögens braucht eine Aufgabe. So erhält der unternehmerische Drang Raum, ohne die finanzielle Basis zu gefährden.
Welche Rolle spielen die Kosten bei der Wahl einer Vermögenslösung?
Eine sehr grosse. Kosten sind einer der wenigen Renditefaktoren, die Anleger sicher beeinflussen können. Marktprognosen können eintreffen oder nicht. Kosten fallen in jedem Fall an. Viele kennen ihre tatsächlichen Gesamtkosten jedoch nicht. Diese entstehen bei der Vermögensverwaltung, bei Fonds, Depotgebühren, Transaktionen, Fremdwährungen oder indirekten Vergütungen. Einzeln wirken diese Positionen klein, über Jahrzehnte können sie einen erheblichen Teil des Endvermögens ausmachen. Billig ist allerdings nicht automatisch gut. Problematisch sind nicht Kosten an sich, sondern Kosten ohne nachvollziehbaren Gegenwert.
Welche drei Fragen sollte man stellen, bevor man ein Vermögensverwaltungsmandat unterschreibt?
Erstens: Kann ich für jeden Teil meines Vermögens in einem Satz sagen, wofür er bestimmt ist? Zweitens: Verstehe ich die Logik der Anlagestrategie so gut, dass ich sie selbst erklären könnte? Und drittens: Kenne ich sämtliche Kosten und weiss ich, welchen konkreten Gegenwert ich dafür erhalte? Wer diese Fragen klar beantworten kann, unterschreibt aus einer Position der Stärke. Wer es nicht kann, sollte vor der Entscheidung nochmals innehalten.
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