Kann man Talente wirklich ködern?
In einer kürzlich durchgeführten Umfrage hat der Schweizer Personalvermittler Robert Walters die Haltung von Arbeitnehmern und Arbeitgebern gegenüber Gegenangeboten näher untersucht. Inwieweit sind Arbeitnehmer offen für Gegenangebote, wenn sie kündigen?
Sind die Arbeitgeber bereit, Gegenangebote in ihre Personalpolitik aufzunehmen? Christian Atkinson, Country Manager bei Robert Walters, erläutert die wichtigsten Ergebnisse der Umfrage.

Einstellung der Arbeitnehmer
Die Umfrage zeigt, dass die Befragten mit gemischten Gefühlen auf Gegenangebote reagieren. Eine leichte Mehrheit (51 %) würde ein Gegenangebot in Erwägung ziehen, nachdem sie ihren Rücktritt eingereicht hat. Christian: «In Wirklichkeit scheinen nur 18 % der Befragten tatsächlich jemals ein Gegenangebot angenommen zu haben, mit einem relativ erfolgreichen Ergebnis: In 16 % der Fälle verließ der Mitarbeiter das Unternehmen innerhalb eines Jahres endgültig. 61 % blieben nach Annahme eines Gegenangebots weitere 2 bis 5 Jahre beschäftigt. Bei 23 % dauerte die Partnerschaft länger als 5 Jahre.»
Gegenangebot akzeptieren
Eine Gehaltserhöhung könnte sogar 84 % der befragten Berufstätigen davon überzeugen, ihren Weggang abzubrechen. Eine Beförderung ist für fast die Hälfte der Fachkräfte (44 %) ein weiterer guter Grund zu bleiben. “Auch die Work-Life-Balance spielt bei Karriereentscheidungen eine Rolle: 32 % würden ein Gegenangebot mit flexibleren Arbeitsbedingungen akzeptieren, und weitere 31 % lassen sich durch zusätzlichen bezahlten Urlaub überzeugen”, fügt Christian hinzu.
Gegenangebot ablehnen
Als Grund für die Ablehnung eines Gegenangebots spielt vor allem die interne Motivation eine Rolle: Beachtliche 31 % der befragten Fachkräfte geben an, dass sie, wenn sie sich einmal auf eine neue Stelle festgelegt haben, an ihrer Entscheidung festhalten und daher ein Gegenangebot grundsätzlich nicht annehmen. Ausserdem glaubt fast ein Viertel der Befragten (24 %) nicht, dass die Annahme eines Gegenangebots eine Garantie für die künftige Zufriedenheit am Arbeitsplatz ist. Für 15 % hingegen ist das Gehalt nicht der Hauptgrund für die Kündigung, so dass ein Gegenangebot keinen Einfluss auf ihre Entscheidung hätte.
Stimmung der Arbeitgeber
Die Umfrage von Robert Walters gibt auch Aufschluss über die Haltung der Arbeitgeber zu Gegenvorschlägen. Die Ergebnisse zeigen ein begrenztes Vertrauen der Unternehmen in diese Bindungsmethode. Nur einer von fünf Arbeitgebern (19 %) macht in der Regel einen Gegenvorschlag, wenn ein Talent zu gehen droht. Weitere 56 % sind nur in Ausnahmefällen dafür offen. Ein Viertel der Arbeitgeber wiederum ist von diesem Ansatz überhaupt nicht überzeugt.
Auf die Frage nach ihren Erfahrungen mit Gegenangeboten berichteten 10 % der befragten Arbeitgeber von einem erfolgreichen Ergebnis. Für 40 % endete dieser Versuch der Mitarbeiterbindung nicht so gut und war eher eine negative Erfahrung für den Arbeitgeber.
Dennoch scheint sich die Einstellung der Arbeitgeber gegenüber Gegenangeboten zu ändern. Fast ein Drittel der befragten Arbeitgeber (30 %) gibt an, dass sie nun offener für ein Gegenangebot sind, da sie mehr denn je die Notwendigkeit spüren, qualifizierte Fachkräfte an Bord zu halten.
Christian fügt hinzu: «Der Arbeitsmarkt ist nach wie vor sehr angespannt, und viele Unternehmen haben schon seit langem mit einem Mangel an Talenten zu kämpfen. Daher wird die Mitarbeiterbindung für die Unternehmen im Jahr 2024 eine der wichtigsten Prioritäten sein. Wir gehen davon aus, dass Arbeitgeber auf Methoden zurückgreifen werden, für die sie früher vielleicht weniger offen waren, wie etwa Gegenangebote.»
Da Vorbeugen immer besser ist als Heilen, rät Christian den Unternehmen, jetzt zu reagieren und ihre Personalpolitik gegebenenfalls zu optimieren. «Ein attraktives Gehalt ist natürlich wichtig, aber auch andere Faktoren müssen beachtet werden», mahnt er. «Die Vereinbarkeit von Beruf und Privatleben und die damit verbundene Flexibilität am Arbeitsplatz sind für die Arbeitnehmer zu einer Priorität geworden. Wachstums- und Weiterbildungsmöglichkeiten sind heutzutage ebenfalls wichtige Motivatoren. Und schliesslich wünschen sich Fachkräfte einen Arbeitgeber mit einer gesunden Unternehmenskultur, einer nachhaltigen Leitung und genügend Aufmerksamkeit für das Wohlbefinden der Mitarbeiter.»