«Innovation entsteht durch Pioniergeist und Kompetenz»
Thurgau Travel AG gehört zu den führenden Schweizer Anbietern von Flusskreuzfahrten der Welt. Das Familienunternehmen bietet Reisen auf 78 Routen in 25 Ländern auf über 45 Flüssen und Gewässern mit über 40 Schiffen an. Der wichtigste Antrieb des Unternehmens: Innovation und Exklusivität. Geschäftsführer Daniel Pauli-Kaufmann verrät uns mehr über die Herausforderungen und die Ausbaupläne des Unternehmens.
Daniel Pauli-Kaufmann: Sie sind seit über drei Jahren am Ruder von Thurgau Travel. Was ist Ihr Fazit?
Es war immer schon mein Traum, ein KMU zu führen. Die vergangenen drei Jahre, mit der Pandemie und dem Ukrainekrieg, war auch für uns als Unternehmen eine echte Herausforderung. Im Jahr 2020 konnten wir lediglich drei Monate in Betrieb sein und die Schutzkonzepte waren aufwendig. Wir fanden jedoch relativ schnell eine gute Basis, wie wir damit umgehen. Ich bin sehr dankbar, dass wir diese Zeit gut überstanden haben mit unserer Crew.

© Samuel Schalch (Kostenpflichtig)
Sie haben den Posten von Ihrem Schwiegervater, Hans Kaufmann, übernommen. Wie lief die Stabsübergabe ab?
Wir hatten für den Übergang zwei Jahre eingeplant, ich übernahm dann bereits nach elf Monaten vollständig das Ruder. In diesem Prozess wurden wir durch einen externen Coach begleitet. Das war für den gesamten Ablauf sehr gut. Natürlich muss dann jeder Involvierte nebenbei noch seinen ganz persönlichen Prozess durchlaufen, bei insgesamt fünf Familienmitglieder eine besondere Herausforderung. Die Übergabe verlief auf drei Ebenen: im Unternehmen, Verwaltungsrat und in der Familie.
Was sind die Herausforderungen beim Führen eines KMU für Sie?
In Zeiten verändernder Rahmenbedingungen fand ich die Organisationsentwicklung sehr spannend. Als Unternehmen ist es weiterhin eine Herausforderung, auf aktuelle geopolitische und grosse wirtschaftliche Unsicherheiten zu reagieren, die uns allesamt treffen. Denn ein KMU hat deutlich weniger Ressourcen, um sich gegen externe Veränderungen zu wappnen. Ich arbeite gerne prozessorientiert und mit viel Struktur: Vor meiner Zeit als Geschäftsführer gab es eine Liquiditätsplanung oder ein Geschäftsbudget nur im Kopf des Patrons.

Wo sehen Sie die Herausforderungen beim Führen eines Unternehmens in der Touristik-Branche?
In der Branche ist man zurzeit Unsicherheiten ausgesetzt. Themen wie Inflation, Zinsen, Verfügbarkeit von qualifiziertem Personal oder Energiepreise betreffen den gesamten Tourismus und erhöhen unsere Kosten in gewissen Bereichen um bis zu 50 Prozent. Uns ist es wichtig, den Gästen eine möglichst grosse Sicherheit vermitteln zu können bezüglich Durchführbarkeit und persönlicher Sicherheit während der Reise. Wir versuchen, möglichst langfristig zu planen. Durch das volatile geopolitische Umfeld ist es zudem unabdingbar, sich nicht nur auf eine Region oder Destination zu stützen, sondern sich möglichst breit abzustützen.
Wie ist die Stimmung bei Ihren Gästen zurzeit?
Wir stellen fest, dass man sich jetzt wieder etwas guttun möchte, sich etwas gönnen will. Die Gäste buchen gerne längere Reisen und auch höhere Kabinenkategorien. Einige unserer Weihnachtsfahrten sind schon zur Hälfte ausgebucht. Schiffsreisen sind für die Entspannung perfekt, weil das Hotel immer mitfährt.
Nach welchen Grundsätzen führen Sie das Familiengeschäft?
Im Zentrum steht für uns ein zufriedener und glücklicher Gast. Wir legen Wert auf einen persönlichen und zuvorkommenden Service. Der freundliche Umgang und langfristige Partnerschaften mit Mitarbeitenden und Partnern sind für uns sehr wichtig. Alle eint die Begeisterung und Leidenschaft für Schiffsreisen – es ist und bleibt ein einmaliges Reiseerlebnis. Innovation entsteht bei uns durch Pioniergeist und Kompetenz. Ersteres konnten wir eben mit der längsten Flusskreuzfahrt der Welt in Indien unter Beweis stellen und Letzteres kommt durch die über 50-jährige Erfahrung in der Branche.
Welche neuen Angebote wird Thurgau Travel 2023 lancieren, neben der MS Thurgau Gold?
Wir bieten neu die längste Flussreise der Welt an: Sie dauert 53 Tage, legt eine Strecke von 3200 Kilometern zurück und passiert 27 Fluss-Systeme. Unsere neuen Routen sind abseits vom Mainstream aufgesetzt, wie etwa die Deutsche Hanse, Lübeck, die Schwebefähre oder Hamburg. Speziell ist die 19-tägige Reise von Basel ins Donaudelta. Wir bieten auch neue Reisen auf den vier Boutique-Schiffen an, auf der Elbe, der Havel, der Oder, der Peene, dem Weser oder der Moldau. Die 29-tägige Epic Cruise Reise mit Antonio Bellucci ist ebenfalls eines der Highlights.
Beliebt sind bei den Gästen auch Ihre Themenreisen …
Ja, im vergangenen Jahr haben wir rund 60 neue Themenreisen rund um die Themen Genuss, Wellness, Wandern, Musik, Architektur und Kultur ins Angebot aufgenommen und können da eine jüngere Kundschaft begrüssen.
Sie haben ein neues Schiff in der Flotte: die Thurgau Gold.
Ein tolles Schiff mit mehreren Restaurants, einer Bar und einer BBQ-Station an Deck. Die Zimmer sind mit 16 Quadratmetern grosszügig konzipiert und mit Panoramafenstern ausgestattet. Die Suiten auf dem Mittel- und Oberdeck sind mit einem französischen Balkon ausgestattet. Dabei können die Fenster horizontal gesenkt werden und erlauben einen freien Blick auf die Landschaft.
Welches ist denn die umsatzträchtigste Route, also die Goldroute?
Unsere Routen auf Rhein und Donau, also die beiden europäischen Hauptflüsse, liefern uns 50 bis 60 Prozent des Umsatzes.
Wie entwickeln sich Ihre Expansionspläne nach Deutschland?
In Deutschland werden 70 bis 80 Prozent über Reisebüros gebucht. Wir sind noch neu, aber mit den richtigen Angeboten drin: mit Fernstrecken und unseren Boutique-Schiffen. Mit 24 ausgewählten Routen sind wir gegenüber anderen Reiseveranstalter exklusiv drin, diese kann man nicht überall buchen.
Wie sieht es mit den Flussfahrten in Asien aus? Da haben wir auch schon Spannendes vernommen.
Am 10. Januar 2023 haben wir die längste Flussfahrt der Welt gestartet: von Varanasi über Kalkutta bis nach Bangladesch. Die Hälfte der Passagiere auf der RV Thurgau Gang Vilas hat die gesamte Strecke gebucht. Wir sind sehr zufrieden. Wir konnten zudem mit der RV Angkor Pandaw auf dem Red River in Nordvietnam wieder neu starten und sind erneut nahezu auf allen angestammten Flüssen in Asien unterwegs. Auch die RV Mekong Pearl und RV Mekong Navigator, beides auf dem Mekong, schippern wieder. Auf dem Mekong arbeiten wir derzeit an einem neuen Projekt mit neuem Schiff. Das ist allerdings noch nicht ganz spruchreif.

Sie sind umtriebig: Auf dem Bodensee planen Sie ebenfalls ein Kreuzfahrtschiff?
Geplant ist ein Kabinenschiff, das rein elektrisch betrieben wird. Das wäre einzigartig, wenn das klappt. Es gibt nur ein vergleichbares See-Schiff, das ist in der Drei-Seenregion: die MS Attila mit neun Kabinen. In der Grössenordnung, wie wir es planen, mit 160 PAX, wäre es einzigartig. Sie sehen, wir haben noch einiges vor.
Sie sind der Meinung, dass die persönliche Umsorgung Ihrer Gäste hochgehalten werden muss.
Unbedingt. 1500 Mitarbeitende arbeiten direkt oder indirekt für uns. Wir haben auf den Schiffen ein Team, das dafür zuständig ist, dass vor Ort alles läuft. Wir haben zudem unsere 30 Kreuzfahrtleiter, die jede Fahrt koordinieren an Bord, ungefähr die Hälfte sind fix angestellt, die andere Hälfte arbeitet auf deren Wunsch selbständig. Wir haben mit allen unseren Betreibern Managementverträge, das sind rund 40-seitige Standards. Darin enthalten sind Dinge wie «Wie begrüsse ich den Gast», «Wie sieht das Frühstück aus», «Wie sieht der ganze Serviceablauf aus». Wir nehmen Trends aus Hotellerie und Gastronomie auf. In diesem Jahr geht der Trend Richtung à la carte. Seit diesem Jahr bieten wir ebenfalls vegetarisches und veganes Essen an. Kreuzfahrtleiter ist ein anspruchsvoller Job geworden, weil der Gast selbst anspruchsvoller geworden und in der Regel sehr gut vorinformiert ist.
Sie legen viel Wert auf das Thema Nachhaltigkeit.
Das war uns auch bei der Neukonzeption des Schiffs sehr wichtig. So erfüllen die neuen Generatoren die Euro6-Norm und zwei Batterie-Pakete sorgen für eine optimale Lastverteilung. Dadurch kann ein Generator eingespart werden. Beim Treibstoff sparen wir so bis zu 20 Prozent ein und 85 Prozent der Abwärme der Motoren können für die Heizungssysteme wiederverwendet werden. Die Schadstoffe wie beispielsweise Feinstaub oder Stickoxide werden um über 90% bzw. 80% gegenüber Motoren der letzten Generation reduziert. Die MS Thurgau Gold ist auch eine Pionier-Leistung: Mit seiner neuesten Technik ist es offiziell das nachhaltigste Flussschiff im Jahr 2023.
Welche Pläne haben Sie für die Zukunft in der Schublade?
Der Gast ist anspruchsvoller und individueller geworden. Das betrifft die Freizeitgestaltung und Kulinarik, aber auch den Aspekt der Umwelt bei Reisen. Zusammen mit der Hochschule Luzern haben wir eine Nachhaltigkeit Policy ausgearbeitet, eine Bestandesaufnahme und auch Ziele, die wir erreichen wollen.
Flussreisen sind stark von den Regelungen und Vorschriften der Reiseländer und Häfen abhängig. Werden Städte in Zukunft noch schärfer bestimmen, wer in ihren Hafen einlaufen darf und wer nicht?

Das haben wir bereits mit Amsterdam. In der Flussschiffahrt vergibt die Green Award Foundation die benötigte Zertifizierung. Amsterdam gestattet Schiffen ohne dieses Label nur noch das Anlegen am abgelegenen Industriehafen. Ich befürworte diese Entwicklung, alle Unternehmen stehen in der Verantwortung. Wir als Branche haben uns lange hinter dem Mantra versteckt, dass Flussschiffe die Umwelt weniger verschmutzen als Kreuzfahrtschiffe. Klar ist der Anteil der weltweiten Passagierschifffahrt gemessen an der Schifffahrt weltweit gering, aber wir alle müssen noch mehr tun.
Wie flexibel muss man heute als Anbieter sein?
Sehr flexibel. Soziale Nachhaltigkeit ist auch ein grosses Thema. Schiffsreisen haben immer noch das Image, dass Mitarbeiter ausgebeutet werden. Das kann ich klar entkräften. Gerade die harte Arbeit im Housekeeping und Service entlöhnen wir für ausländische Gehälter sehr fair: mit netto 1700 bis 2000 Euro im Monat – mehr gibt es für die technischen und nautischen Berufe. Wir möchten nun die Rahmenbedingungen noch weiter verbessern und den Mitarbeitenden noch mehr Komfort bieten.
Wann kommt das erste vollelektrische Flussschiff?
Es ist realistisch, dass es das ab 2035 geben wird. Wichtig bleibt der gleichzeitige Ausbau der Infrastruktur und die Lieferkette der Energieträger – bei einem vollelektrischen Schiff also konkret der Ursprung des erzeugten Stroms.
Wie sieht Ihre persönliche Traumreise aus?
Ich war schon lange nicht mehr in Asien. Dieses Jahr werde ich im November nach Asien reisen und verbinde diese Reise natürlich mit Geschäftlichem in Vietnam, Laos und Indien. Ich werde vorher noch eine Woche in Glasgow verbringen, auf unserer Workation. Zusätzlich zu den regulären Ferienwochen bieten wir unseren Mitarbeitenden jährlich zwei Wochen Workation an. Sie dürfen in dieser Zeit ihre Arbeit an einem beliebigen Urlaubsort ihrer Wahl ausüben. Auch der Chef (lacht).

Bildcredit: Thurgau Travel AG