Im Fokus: Jan Steiner aka Mister Engadin
Er ist der Mann an der Spitze. Jan Steiner ist seit gut einem halben Jahr Geschäftsführer der Engadin Tourismus AG. Der Mann hat im Tourismus im Hochtal in den letzten zwanzig Jahren so einiges bewirkt und die Region fit gemacht für die touristischen Herausforderungen der Zukunft. Anfangs Jahr hat er auch seine Geschäftsleitung neu aufgestellt. Grund genug für uns, den cleveren Tourismus-Manager auf einen Kaffee zu treffen.
Von Matej Mikusik
Die Lokalität ist passend – in der Lobby des ehrwürdigen Hotelkette Hyatt in Zürich sitze ich mit Jan Steiner an einem der eleganten Coffee-Tables. Wir haben abgemacht auf ein Gespräch, das weit länger als die geplante eine Stunde dauern wird. Wir bestellen beide einen Haus-Eistee, dann Kaffee.
Jan Steiner (45) ist kein Ur-Engadiner. Aber er lebt seit über 20 Jahren im Engadin – sein Sohn ist da geboren und die Familie ist fest verankert in der Bergwelt. Auf die unelegante Eröffnungs-Frage, ob er denn etwa das Treiben in Zürich nicht vermisse, sagt Steiner: «Es ist ganz gut auf zwei, drei Tage und ein paar Meetings ins Unterland zu kommen. Aber mein Herz gehört ganz klar dem Engadin.» Das Tal sei eine der spannendsten Tourismusregionen und biete vom mondänen St. Moritz bis hin zur puren Natur alles. Im Hochtal zählt man 12’192 Betten von hochmodernen 133 Hotels bis zu gemütlichen Pensionen in zwölf verschiedenen Orten. Knapp 1 Million Nächtigungen wurden dadurch im Engadin generiert. «Sogar Kitesurfen kann man bei uns auf dem Silvaplanasee.» Was Jan Steiner natürlich auch schon getan hat.

Von der Pike auf
Doch der Reihe nach. Zuerst als Hilfs-Skilehrer, Canyoning-Guide sowie Tellerwäscher und der ersten grossen Liebe wegen ist Jan Steiner ab Jahr 1998 das erste Mal länger im Engadin geblieben. «Ich dachte mir, Skilehrer allein kann es noch nicht gewesen sein.» Jan Steiner besuchte ab 2002 die Tourismusfachschule in Samedan und arbeitete nebenbei im Mice- und Event-Business sowie als Flughelfer bei einer Heli-Firma. 2007 übernahm er über Nacht die Leitung einer Skischule mit 80 Mitarbeitenden. Das öffnete ihm viele Türen. Ab 2009 bis 2018 war der 45-Jähirge Tourismusdirektor in Pontresina. Steiner: «Das war eine sehr coole Zeit. Wir konnten sehr viel bewegen. Die Hoteliers diskutieren teils sehr energisch, zogen am Schluss aber am gleichen Strang.»
Jan Steiners Einstieg in die Tourismus-Destination Engadin war, als alles noch kleinteilig war, als benachbarte Hoteliers selbst noch auf die Butter auf dem Brot des jeweils anderen neidisch waren. Als Gemeinden, Politik und Tourismusunternehmer nicht immer das Heu auf der gleichen Bühne hatte. «Das war am Anfang nicht einfach, alle relevanten Stake-Holder an den Tisch zu bringen und zu überzeugen, dass unsere Konkurrenz nicht der Hotelier von gegenüber ist, sondern Destinationen wie Dubai oder Thailand», sagt Jan Steiner in seiner ruhigen und überlegten Art.
Neue Zeiten, neue Herausforderungen
Ab 2019 verantwortete Jan Steiner zuerst als Brand Manager und dann auch als Mitglied der Geschäftsleitung die Weiterentwicklung und Positionierung des Brands Engadin bei der ehemaligen Engadin St. Moritz Tourismus AG. Das ganze Gebilde ist jetzt aufgesplittet in die Engadin Tourismus AG und der St. Moritz Tourismus AG. Das sei der politische Wille gewesen, so Steiner. Das Ziel bleibe aber, den Tourismus im Tal voranzutreiben. Für dieses Ziel hat Jan Steiner anfangs Jahr sein Team breiter aufgestellt (siehe Box). «Es soll auch die Wirkung gegenüber unseren Leistungspartnern und der Politik erhöhen», sagt Steiner, «und zwar im Interesse einer durchgängigen touristischen Dienstleistungskette und einem hochklassigen Gästeerlebnis.»
«Das Engadin und St. Moritz brauchen sich gegenseitig – wie Jing und Jang.»
Jan Steiner, Geschäftsführer der Engadin Tourismus AG
Die Trennung sei aber rein organisatorischer Natur. «Die Marke St. Moritz aber erstreckt sich von Giacomettis Bergell bis zum Kunstmuseum in Susch. Ob das politisch richtig ist, spielt seitens der Marke keine Rolle.» Aus Gästesicht und international sei das die Wahrnehmung, die politischen Destinationsgrenzen würden da keine Rolle spielen. «Umgekehrtes Beispiel ist etwa das Berghotel Randolins am Suvrettahang – umgeben von den grossen St. Moritzer Villen. Das kleine, feine Familienhotel sieht sich definitiv nicht als St. Moritzer Hotel oder St. Moritzer Brand. Die Betreiber identifizieren sich mit dem Engadin, mit der Weite der Natur. Darum ist das Randolins auch voll im Engadiner Portfolio drin.»
Die neuen Themen
Die Organisation steht. Doch was sind die Herausforderungen der Zukunft? «Das Thema Nachhaltigkeit und der Klimawandel», sagt Steiner. «Dem müssen wir in allen drei Dimensionen – in der Ökonomie, der Ökologie und im gesellschaftlichen Kontext – gerecht werden.» Schlussendlich gehe es darum, mit der bestehenden Infrastruktur die Auslastung und Wertschöpfung im Tal zu optimieren. Da gehöre nun auch Mal der Flughafen dazu mit der enormen Wertschöpfung, die erst nachhaltige Innovationen zulässt.
«Wir haben ein sensationelles Hochtal mit 17’000 Einheimischen und sind eine Ganzjahresdestination mit Sommer, Herbst und einem Top-Winter, der auch in Zukunft schneesicher bleiben wird – dank der Höhe.» Einen Frühling gibt es nicht, in den Mai-Ferien fällt die Zahl auf 5000 Leute vor Ort, die Schulen sind zu, auch der Beck. Steiner: «Dafür sind wir zwischen Weihnachten und Neujahr die Fünftgrösste Stadt der Schweiz –.» Neu sei der Sommer mit der Bergfrische, die heissen Sommer im Flachland würden ihnen da oben in die Karten spielen. «Klar, im Sommer sehe ich noch sehr wohl Potenzial.» Die Bergfrische ist das neue USP. Der Herbst mit den goldenen Lärchen wiederum ist schon fast kitschig. «Es gibt auch immer mehr Hotels, die im Herbst durchgängig offen haben.»
Die Zukunft
Was braucht es, dass die Marke Engadin weiter auf dem Erfolgsweg bleibt? Jan Steiner: «Es braucht Innovation im Unternehmertum. Innovation ist vorhanden, das sehe ich tagtäglich. In den nächsten Jahren stehen Investitionen in der Höhe eines mittleren dreistelligen Millionenbetrags in die Beherbergung an. Das zeigt, dass man an unser Tal und den Tourismus im Engadin glaubt.» Was kann man da noch verbessern? Steiner: «Das kommunale Denken. Der Gast macht an den Gemeindegrenzen nicht Halt. Den Zusammenhalt müsste man noch viel stärker ausspielen können. Da sehe ich auch meine Challenge für die Zukunft.»
Das Team hinter Engadin Tourismus AG

Per 1. Februar 2024 wurde das neue Organisationsmodell 2024 mit vier Geschäftsbereichen der Engadin Tourismus AG umgesetzt, das den Bedürfnissen der Gäste, aber auch der Bevölkerung und der Politik noch besser Rechnung tragen soll. Das «Product Management» wird von Silvan Caderas geleitet, dem langjährigen Product Manager Sommer. Erst seit neun Monaten im Team übernimmt die PR-Spezialistin Corinne Moreno die Verantwortung für «Communications». Die bisherige Digital Campaign Managerin Yvonne Wigger ist zuständig für «Sales & Distribution». Keine Änderung ergibt sich bei den «Guest Relations», die weiter von Stefan Sieber geführt werden. Die Anpassung bringt flachere Hierarchien und interdisziplinär arbeitende Teams. Ab 1. März stösst Sereina Jost als drittes Mitglied der Geschäftsleitung zum Team als Chief Marketing Officer. Sie verantwortet künftig den übergeordneten Bereich «Brand & Innovation». In der Geschäftsleitung wird Jan Steiner weiterhin von Thomas Rechberger unterstützt, der als CFO das Business Development verantwortet.
Bildcredits: Engadin Tourismus AG