«Ich war von klein auf mit Gold, Farbe und Ornamentik umgeben.»
Mitten im Herzen Zürichs, wo Tradition auf Moderne trifft, befindet sich einer der exklusivsten Anlaufpunkte für Sammler und Liebhaber aussergewöhnlicher Objekte: das Deutschschweizer Büro inklusive Galerie des renommierten Auktionshauses Sotheby’s. An der Spitze steht Jessica Graf, Director und Head of Offices Switzerland, die mit ihrem Team seit Jahren dafür sorgt, dass bedeutende Kunstwerke, seltene Luxusobjekte und faszinierende Sammlerstücke ihre neuen Besitzer finden – oft zu Rekordpreisen.
Interview: Matej Mikusik – The Business Class Magazin
Seltene Sportscars, rare Uhren, berühmte Werke von bekannten Künstlern, auch schon Mal ein Stück von einem Mars-Meteoriten, rare Weine oder exklusive Handtaschen – die Welt der Auktionen fasziniert. Ein Beispiel: Die allererste Birkin-Bag aus dem Jahr 1984, von Jane Birkin selbst getragen, wurde bei Sotheby’s im Juli 2025 für 8,6 Millionen Euro versteigert. Oder der Supersportwagen Gordon Murray Special Vehicles S1 LM – in Las Vegas für satte 20’630’000 Dollar verkauft. Klar, wollen wir da mehr wissen aus dieser Welt von Opulenz, Glamour, Glanz, Expertise und High-Society.

Was bewegt den Luxusmarkt heute? Welche Stücke lassen Sammlerherzen höherschlagen? Und wie verändert die Digitalisierung den Zugang zu einem Markt, der einst als exklusiv und elitär galt? Im Gespräch gibt uns Jessica Graf, die Sotheby’s Schweiz wie keine andere geprägt hat, einen Einblick in die Welt der Auktionen. Doch auch Persönliches kommt nicht zu kurz: Was begeistert sie selbst an ihrer Arbeit und welches Objekt würde sie am liebsten ersteigern – ganz unabhängig vom Preis? Ein Blick hinter die Kulissen einer faszinierenden Branche – mit einer Frau, die den Takt der Schweizer Auktionswelt mitbestimmt.
Jessica Graf, Sotheby’s ist eine Institution mit langer Geschichte – wie hat sich der Markt für Luxusobjekte und Sammlerstücke in den letzten Jahren verändert, insbesondere in der Schweiz?
Der Luxusbereich war für Sotheby’s immer relevant, aber in den letzten Jahren hat er enorm an Bedeutung gewonnen – gerade in der Schweiz. Früher waren wir vor allem für Kunst, Schmuck und Uhren bekannt. Heute haben Kategorien wie Handtaschen oder Sport-Memorabilia global an Gewicht gewonnen. Und besonders spannend: Zürich hat sich fast über Nacht zur wichtigsten Handbags Location entwickelt. Seit 2023 wickeln wir hier die zentralen Handtaschenauktionen ab – das war eine dynamische Entwicklung, die auch für uns überraschend kam.

Welche Rolle spielt Zürich im globalen Netzwerk von Sotheby’s?
Zürich ist ein internationaler Finanz- und Sammlerhub. Viele hochkarätige Sammler haben hier ihren Wohnsitz oder zumindest einen wichtigen Teil ihrer Sammlung. Mit unserem neuen Office am See stärken wir bewusst die Sichtbarkeit. Die Lage nahe dem Kunsthaus und der Galerieszene ist strategisch gewählt. Wir wollen zeigen: Zürich ist kein Nebenstandort, sondern ein zentraler Knotenpunkt für das internationale Luxusgeschäft.
Was macht den Schweizer Sammlermarkt speziell?
Die Schweiz ist ein klassisches Sourcing-Land. Viele bedeutende Sammlerstücke stammen aus Schweizer Privatbesitz und gehen dann über internationale Auktionen in die Welt hinaus. Schweizer Sammler verhalten sich im Kern ähnlich wie internatio-nale Sammler – sie sind vielleicht etwas weniger sportaffin als etwa Amerikaner, bei denen Sneakers oder NBA-Trikots boomen. In der Schweiz dominieren Uhren, Schmuck und Handtaschen. Die Nachfrage ist über das Jahr hinweg konstant hoch.

Gibt es aktuelle Trends, die zeigen, dass jüngere Generationen anders sammeln oder investieren als traditionelle Sammler?
Ja, durchaus. Jüngere Käufer sind extrem gut informiert. Sie kommen mit klaren Vorstellungen wie: «Ich will genau dieses Modell, in genau dieser Farbe und dieser Grösse.» Und sie haben ein starkes Nachhaltigkeitsbewusstsein. Der Sekundärmarkt funktioniert für sie nicht als Notlösung, sondern als bewusst gewählte, nachhaltige Alternative. Gleichzeitig interessieren sie sich breit: Kunst, Uhren, Design, Taschen – alles dabei. Die Generation unter 40 ist heute viel aktiver als noch vor 15 oder 20 Jahren.
Wie läuft der Prozess ab, wenn jemand ein Objekt einliefern möchte?
Ganz unkompliziert. Man bringt das Objekt zu uns ins Office. Ein Experte prüft und bewertet es, recherchiert bei Bedarf die Provenienz und macht eine realistische Preiseinschätzung. Danach entscheiden wir gemeinsam mit dem Kunden, ob ein Privatverkauf oder eine Auktion die bessere Option sei. Wir stehen immer auf der Seite des Einlieferers – wir wollen gemeinsam den höchsten Preis erzielen. Oft wissen die Experten bereits, welcher Sammler für ein Stück infrage kommen könnte.

Welche Rolle spielt die Provenienz, die Herkunftsgeschichte eines Objekts beim Auktionspreis und wie prüfen Sie deren Echtheit?
Sie ist oft entscheidend. Bei Kunst wird manchmal wochenlang geforscht. Unsere Spezialisten gehen in Archive, Bibliotheken, alte Kataloge. Bei Stücken mit prominenter Herkunft – etwa Karl Lagerfeld, Freddie Mercury oder Jane Birkin – ist es etwas einfacher, weil viel dokumentiert ist. Aber oft braucht es echte Detektivarbeit. Die Herkunft eines Objekts kann den Wert massiv beeinflussen.
Wie erleben Sie einen Auktionstag?
Die grossen Live-Auktionen, besonders in Genf, sind elektrisierend. Wenn man einmal in diesem Saal sitzt, spürt man sofort diese Mischung aus Spannung, Disziplin und Adrenalin. Ich liebe es, selbst am Telefon für meine Kunden zu bieten. Man ist komplett im Tunnel, hochkonzentriert. Es hat etwas von Glücksspiel – man will das Objekt für seinen Kunden «gewinnen». Diese Energie kann ein Online-Format nie vollständig ersetzen, auch wenn Online-Auktionen wichtig bleiben.

Wie gelingt es Ihnen und Ihrem Team, sowohl internationale Sammler als auch lokale Einlieferer bestmöglich zu betreuen?
Langfristige Beziehungen sind unser Fundament. Viele neue Kunden kommen über Empfehlungen, Anwälte, Family Offices oder Freunde. Die Hemmschwelle ist in der Schweiz allerdings höher als in anderen Ländern. Viele trauen sich erst, wenn sie wirklich etwas einliefern möchten. Touristen dagegen kommen oft spontan herein, weil sie Sotheby’s kennen. Wir arbeiten aktiv daran, die Galerie als offenen, einladenden Ort zu etablieren – mit Ausstellungen, Masterclasses und Events.
Wie hat die Digitalisierung das Geschäft verändert?
Radikal – aber positiv. Heute kann man ein Objekt online so detailliert betrachten, dass man theoretisch keine physische Vorbesichtigung braucht. Jedes Korn eines Diamanten ist erkennbar. Gleichzeitig wollen wir die grossen Auktionen weiterhin live durchführen, weil sie ein gesellschaftliches Ereignis sind. Das emotionale Erlebnis, das Zusammenkommen im Saal – das bleibt ein Herzstück unseres Geschäfts.

Was fasziniert Sie persönlich an der Welt der Auktionen?
Es ist diese Mischung aus Luxus, Geschichte, Überraschung und Menschlichkeit. Kein Tag gleicht dem anderen. Ich habe Jura studiert und wollte ursprünglich Richterin werden. Ein Praktikum bei Sotheby’s änderte alles. Ich wusste sofort: Das ist meine Welt. Seit zehn Jahren bin ich nun hier – und die Vielfalt, die Unvorhersehbarkeit, die Geschichten hinter den Objekten machen jeden Tag besonders.


Wenn Sie auf irgendeinen Gegenstand weltweit bieten könnten – ganz unabhängig von Preis oder Eigentumsverhältnissen – welcher wäre es und warum?
Ganz eindeutig: ein grosser, pinkfarbener Diamant. Ich sage immer, ich bin eine kleine Barbie – alles, was glitzert und Farbe hat, zieht mich magisch an. Farbige Diamanten haben eine unglaubliche Strahlkraft und seltene Magie.
Sie haben im Laufe der Jahre unzählige bemerkenswerte Objekte gesehen. Gibt es eine Geschichte hinter einem Stück oder Kunden, die Sie besonders berührt oder überrascht hat?
Viele. Besonders die Fälle, in denen Menschen aus schwierigen Situationen heraus verkaufen müssen – etwa eine Mutter, die Geld für die Behandlung ihres schwerkranken Kinds benötigte. Hinter vielen Einlieferungen stehen Schicksale: Erbschaften, Scheidungen, finanzielle Nöte. Dann versuchen wir, entgegenzukommen – etwa durch reduzierte Kommissio-nen. Diese menschlichen Momente prägen einen stärker als jedes Luxusobjekt.

Eine letzte Frage: Was inspiriert ausserhalb der Auktionswelt Ihren Sinn für Ästhetik oder Wert – Kunst, Musik, Mode, Reisen?
Vieles kommt von meiner Mutter, die indische Wurzeln hat und gerne viel und auffallenden Schmuck trägt. Ich bin von klein auf mit Gold, Farbe und Ornamentik aufgewachsen. Aber auch Reisen, Mode, Architektur und Musik prägen meine Wahrnehmung. Und natürlich die Stücke selbst: In diesem Job sieht man Objekte, von denen Menschen ihr Leben lang nur träumen. Diese Vielfalt inspiriert jeden Tag aufs Neue.

