Desert X AlUla 2026 – Wenn die Landschaft das Mass verliert
Ich kannte Desert X AlUla nur aus Bildern. Aus perfekt komponierten Fotografien früherer Editionen, aus internationalen Berichten, aus dieser fast ikonischen Vorstellung von Kunst im Wüstenraum. Monumental, ja. Spektakulär, sicher. Aber abstrahiert. Gerahmt. Beherrschbar.
Text und Photos von Antje-Katrin Schaniel – The Business Class Magazin
Alles korrekt. Alles beeindruckend.
Man tritt hinein – und wird Teil davon.

Schon bei der Ankunft, als ich das grosse blaue X sehe, wird klar: Hier funktionieren keine klassischen Museumsmassstäbe. Keine White Cubes, keine lineare Dramaturgie, kein kuratiertes «von Werk zu Werk». Stattdessen: Weite. Stille. Wind. Zeit. Und dazwischen Kunst, die nicht platziert wirkt, sondern geboren aus der Landschaft selbst.
Was ich unterschätzt habe, war die Dimension.
Und das Gefühl, das entsteht, wenn man sich selbst in diesem Raum wiederfindet. Denn nichts bereitet dich darauf vor, wie es sich anfühlt, AlUla tatsächlich zu betreten.

Die Täler, Canyons und Oasen sind keine Kulisse, sondern Mitspieler. Sie relativieren den menschlichen Maßstab. Die Werke der elf teilnehmenden Künstler:innen reagieren nicht nur auf den Raum – sie verhandeln ihn.
Was bedeutet Monumentalität, wenn selbst monumentale Kunstwerke klein wirken?
Was ist Präsenz in einer Umgebung, in der Stille kein Mangel ist, sondern ein Zustand?

Diese Fragen ziehen sich durch die Ausstellung – nicht didaktisch, sondern atmosphärisch.
Kunst, die nicht dominiert, sondern zuhört. Und viel Raum für Interpretation lässt.
Der erste Schritt in den Sand
Der Sand von AlUla ist nicht grob.
Er ist fein. So fein, dass er fast fliesst und sich überall absetzt.

Mit jedem Schritt gibt er minimal nach, kühl am Morgen, später warm, beinahe weich. Man spürt ihn nicht nur unter den Füssen, sondern in der Luft, auf der Haut, im Atem. Er trägt den Duft von Mineralität, von trockener Erde, von etwas Ursprünglichem, das sich nicht benennen lässt – nur wahrnehmen.
Die Stille ist kein Schweigen.
Felsen, die bereits Kunst sind.

Die Sandsteinformationen AlUlas wirken, als hätten sie lange vor Desert X begonnen, sich selbst zu formen. Gesichter tauchen auf, wenn man genauer hinsieht. Schultern. Profile. Bögen. Skulpturen, die keine Künstlerhand je berührt hat – und dennoch perfekter nicht sein könnten.
Das Auge beginnt automatisch zu interpretieren.
Der Raum zwingt dich dazu, langsamer zu schauen.
In dieser Landschaft verliert man das Bedürfnis nach Erklärung. Man akzeptiert, dass nicht alles ein Ziel haben muss. Dass Präsenz reicht.
Space Without Measure – ein Zustand
Die vierte Edition von Desert X AlUla steht unter dem Titel Space Without Measure. Ein Begriff, der zunächst poetisch klingt, fast theoretisch. Vor Ort jedoch wird er physisch.
Raum ohne Mass bedeutet hier: kein Vergleich, keine Skala, keine Referenz. Die Arbeiten entfalten sich nicht auf den ersten Blick. Viele verlangen Zeit. Bewegung. Abstand. Nähe. Wiederholung.

Die Werke internationaler Künstler:innen wie Mohammed Alfaraj, Tarek Atoui, Maria Magdalena Campos-Pons, Agnes Denes oder Ibrahim El-Salahi behaupten sich nicht gegen die Landschaft. Sie verhandeln ihre Existenz innerhalb von ihr.
Einige tauchen erst aus der Distanz auf, andere verschwinden beinahe, wenn das Licht kippt. Manche wirken massiv, bis man erkennt, wie klein sie im Verhältnis zur Umgebung sind. Monumentalität wird relativ. Bedeutung verschiebt sich.

Besonders eindrücklich ist, wie selbstverständlich lokale Perspektiven und internationale Positionen ineinandergreifen. Saudi-arabische Stimmen stehen hier nicht neben globalen Namen – sie sprechen miteinander.
Dass auch Werke des verstorbenen Mohammed AlSaleem gezeigt werden, darunter Arbeiten, die zuvor nie öffentlich zu sehen waren, verleiht der Ausstellung eine zusätzliche Tiefe. Es ist ein stilles Weitererzählen, kein rückwärtsgewandtes Erinnern.
Das Klima als Co-Kurator
AlUla kuratiert mit. Am frühen Morgen ist die Luft klar, fast schneidend. Die Farben wirken kühl, steinig, beinahe monochrom. Dann steigt die Sonne. Wärme legt sich auf die Haut, verändert den Geruch der Landschaft, macht den Sand heller, weicher, lebendiger.

Und am Abend – fast schlagartig – fällt die Temperatur wieder. Die Sonne sinkt, und mit ihr verändert sich alles: Das Licht wird golden, dann kupfern, dann purpurrot. Die Felsen beginnen zu glühen. Die Kunst verändert ihr Gesicht.
Was tagsüber nüchtern wirkte, wird poetisch.
Was statisch schien, beginnt zu atmen.

Hier ist Kunst keine Konstante.
Sie ist abhängig von Zeit, Licht, Wetter und Position.
Ein Dialog, kein Statement
Kuratiert von Wejdan Reda und Zoé Whitley, mit Neville Wakefield und Raneem Farsi als Artistic Directors, verzichtet Desert X AlUla bewusst auf Überinszenierung. Die Ausstellung erklärt nicht – sie vertraut. Auf den Ort. Und auf das Publikum.
Die Kunst will hier nicht provozieren, nicht dominieren, nicht «Instagram-gerecht» sein. Sie fordert Auseinandersetzung, ohne laut zu werden. Vielleicht ist genau das die grösste Stärke dieser Edition.
AlUla als kulturelle Kontinuität
Desert X AlUla ist Teil des AlUla Arts Festivals 2026 und zugleich ein Vorbote dessen, was mit Wadi AlFann entsteht: eine dauerhafte, globale Plattform für Kunst im Dialog mit Landschaft.

Der Unterschied zu vielen internationalen Großprojekten ist spürbar. AlUla denkt nicht in Events, sondern in Generationen. Kunst wird nicht als Fremdkörper eingeführt, sondern als Fortsetzung einer Region, die seit Jahrtausenden gestaltet, geformt und beschrieben wird.
Zwischen Hegra, Dadan, Jabal Ikmah und der Altstadt entsteht kein Bruch – sondern Zusammenhang.

Was bleibt
Als Erstbesucherin kam ich mit Bildern im Kopf.
Die Stille, die nicht leer war.
Desert X AlUla 2026 ist keine Ausstellung, die man «gesehen» hat.
Es ist eine, die man durchschreitet – und die weiterwirkt, je mehr man über sie nachdenkt und sich mit den Werken und den Künstler:innen auseinandersetzt.

Und irgendwann merkt man:
Der Raum misst dich.
Desert X bleibt.
Und lässt dich nicht mehr los.
Vom Verstehen zum Begegnen
Bis hierhin lässt sich Desert X AlUla beschreiben: historisch, konzeptionell, kuratorisch.
Doch ab einem gewissen Punkt trägt Erklärung nicht mehr.

Denn Space Without Measure ist kein Rahmen, der über die Werke gelegt wird. Es ist ein Zustand, der entsteht, wenn man sich im Gelände bewegt – wenn Massstäbe verschwimmen und Orientierung nicht über Pläne, sondern über Wahrnehmung funktioniert.
Inspiriert von der poetischen Gedankenwelt des libanesisch-amerikanischen Dichters Kahlil Gibran, versteht diese Edition Raum nicht als etwas, das begrenzt werden muss, sondern als etwas, dem man sich nähert. Gibrans Ideen von Zeit, innerer Vision und geistiger Weite wirken hier nicht literarisch, sondern physisch: im Licht auf Stein, in Wegen, die durch wiederholtes Gehen entstanden sind, in Spuren von Pflege und Kultivierung.

Die Kunst in AlUla löst sich nicht vom Ort, um frei zu sein. Sie bleibt verbunden, um Bedeutung zu entfalten.
Diese Haltung prägt auch die Entstehung der Arbeiten selbst. Alle Werke wurden vor Ort in Saudi-Arabien realisiert, in enger Zusammenarbeit mit lokalen Handwerker:innen, Musiker:innen, Botaniker:innen und Fabricators. Wissen wurde nicht abstrahiert, sondern eingebettet. Die Landschaft ist nicht Bühne, sondern Co-Autorin.
An diesem Punkt verändert sich der Blick.
Man beginnt nicht mehr zu fragen, was ein Werk ist, sondern wie es sich im Raum verhält. Wie es auftaucht. Wie es sich verändert. Wie es bleibt – oder wieder verschwindet.
Erst hier beginnt die eigentliche Begegnung mit den Künstler:innen dieser Edition.
Nicht als einzelne Positionen, sondern als unterschiedliche Arten, derselben Landschaft zuzuhören.
Das sind die Künstler
Sara Abdu – A Kingdom Where No One Dies: Contours of Resonance
Bei Sara Abdu beginnt alles im Boden.
Ihre Arbeit erhebt sich nicht aus der Landschaft – sie ist Landschaft.

Stampflehm-Wände, geschichtet aus Erde, Zeit und Poesie, tragen Texte nicht als Botschaften, sondern als Sedimente. Worte werden Teil des Materials, nicht Erklärung, sondern Erinnerung. Abdu greift auf uralte Bautechniken zurück, die über Kulturen hinweg geteilt wurden, und schafft eine Arbeit, die sich anfühlt wie ein geologisches Archiv: Bedeutung entsteht durch Schichtung, nicht durch Behauptung.
@citizen_saraabdu
Mohammad Alfaraj – What Was the Question Again?
Wo Abdu verdichtet, erzählt Mohammad Alfaraj.

Im Zentrum seiner Arbeit steht eine Palme – zusammengesetzt aus veredelten Stämmen, fragmentiert und doch lebendig. Um sie herum entfaltet sich ein loses Universum aus Geschichten, Objekten und Pflanzen. Besucher:innen bewegen sich durch eine Art Fabelraum, inspiriert von den Oasenlandschaften von Al Ahsa. Es geht um Fürsorge, um Regeneration, um die stille Intelligenz von Ökosystemen, die über Zeit geformt werden.
Hier ist Kunst kein Objekt, sondern ein Narrativ, das sich beim Gehen entfaltet.
@mohammadalfaraj
Mohammed AlSaleem – fünf Werke (posthum)
Mit Mohammed AlSaleem öffnet Desert X AlUla ein anderes Zeitfenster.
Der Pionier der saudischen Moderne ist der einzige posthum vertretene Künstler dieser Edition.

Seine Skulpturen – The Thorn, AlShuruf Unit, The Triangles, Flower Bud und Al Ahilla – entstanden bereits in den 1980er-Jahren und werden hier erstmals öffentlich gezeigt. Ihre klare, geometrische Sprache ist von Wüstenhorizonten und kosmischen Bezugspunkten geprägt. Sie wirken streng und poetisch zugleich – und verankern die Ausstellung in einer tieferen saudischen Kunstgeschichte, die weit über das Jetzt hinausweist.

Seine Installation besteht aus hornartigen Instrumenten, die teilweise im Boden verborgen sind. Der Ort selbst wird zur archäologischen Schicht. Klänge sind nicht präsent, sie warten. Erst durch Bewegung, durch Lauschen, durch Zeit offenbart sich die Arbeit. Sound wird hier nicht konsumiert, sondern freigelegt – wie Wasseradern im Gestein.
@studiotarekatoui
Bahraini-Danish – Bloom
Ganz anders reagiert das Kollektiv Bahraini-Danish auf die Umgebung. Bloom ist Bewegung.

Rotierende Formen greifen das wechselnde Licht der Wüste auf, werfen Schatten, verändern Oberflächen. Nichts bleibt gleich. Die Arbeit existiert nur im Zusammenspiel mit Tageszeit und Perspektive. Licht und Zeit werden zum Material – der Körper der Betrachtenden Teil der Komposition.
@bahrainidanish
Maria Magdalena Campos-Pons – Imole Red
Mit Imole Red bringt Maria Magdalena Campos-Pons Wärme in den Raum.

Die Installation ist von Yoruba-Traditionen durchzogen, von Spiritualität und Farbe. Leuchtendes Rot, inspiriert von den Sonnenuntergängen AlUlas, trifft auf überdimensionierte, heimische Pflanzen. Die Arbeit erinnert daran, dass diese Landschaft einst Meer war – und dass Wasser, Transformation und Erinnerung tief im Boden eingeschrieben sind. Eine Arbeit über Herkunft, Wandel und Verbindung.
@maria_magdalena_campos_pons
Agnes Denes – The Living Pyramid
In der Oase erhebt sich The Living Pyramid von Agnes Denes.

Eine lebende Struktur aus Pflanzen, die Wachstum, Pflege und Erneuerung sichtbar macht. Die Arbeit fordert keine Aufmerksamkeit – sie verlangt Verantwortung. Care wird hier nicht als Geste verstanden, sondern als langfristige Verpflichtung. Ein leiser, aber eindringlicher Kommentar zur Beziehung zwischen Mensch, Natur und Zeit.
@agnesdenes
Ibrahim El-Salahi – Haraza
Ibrahim El-Salahi nimmt die Akazie als Ausgangspunkt – einen Baum, der in AlUlas Schluchten überlebt.

Haraza ist eine skulpturale Landschaft aus Wiederholung und Variation. Eine Form von Wald, in dem Spiritualität und organische Abstraktion zusammenfinden. Einheit entsteht hier nicht durch Gleichheit, sondern durch Rhythmus.
@ibrahimelsalahi
Basmah Felemban – Murmur of Pebbles
Mit Murmur of Pebbles lenkt Basmah Felemban den Blick auf das Kleinste.

Kieselsteine werden zu monumentalen Kalksteinformen, Erinnerungen an uralte Flussläufe, die diese Wüste einst durchzogen. Die Arbeit war bereits 2024 Teil von Desert X – und entfaltet unter dem Thema Space Without Measure eine neue, stille Dringlichkeit.
@basmah_felemban
Vibha Galhotra – Future Fables
Vibha Galhotra arbeitet mit Überresten.

Fragmente abgerissener Gebäude aus AlUla werden in eine Stahlstruktur eingeschlossen. Zerstörung wird nicht negiert, sondern umgedeutet. Trümmer werden Schutzraum, Erinnerung wird Ausgangspunkt für zukünftige Erzählungen. Eine Arbeit über Entwicklung, Verantwortung und die Frage, was wir hinterlassen.
@vibhagalhotra


Héctor Zamoras Tar HyPar ist inspiriert von traditionellen saudischen Trommeln und architektonischen Formen. Die Arbeit lebt von Beteiligung. Besucher:innen erzeugen gemeinsam Rhythmus – körperlich, kollektiv, unmittelbar. Energie entsteht nicht im Objekt, sondern zwischen Menschen.
@_hector_zamora_
Was diese Arbeiten verbindet
Alle Werke wurden in Saudi-Arabien realisiert, in enger Zusammenarbeit mit lokalen Handwerker:innen, Musiker:innen, Botaniker:innen und Institutionen wie Madrasat Addeera, dem AlUla Music Hub und der Native Plant Nursery. Dieses Wissen ist sichtbar geblieben – als Spur, nicht als Statement.
Desert X AlUla 2026 erzählt keine neue Geschichte über diesen Ort.
Es hört einer Geschichte zu, die längst da ist – und lässt sie weiterklingen.
